Begriff und Identität Drucken

Als einst deutsche Siedler die Markwälder des Schluckenauer Zipfels rodeten um Agrarland zu gewinnen, gab es für die bislang wilde Gegend noch keinen Namen. Slawische Völker bezeichneten das Gebiet um die Ober Lausitz als Zagost, was aus den Wörtern ‚za’ und ‚hvozd’ hervorgeht und soviel wie ‚hinter tiefen Wäldern’ bedeutet. Aus innerböhmischer Sicht ist das Niederland tatsächlich ein durch Bergketten und Wälder abgetrenntes Hinterland, nördlich der Linie Kaltenberg–Kreuzbuche–Schöber zu finden. Erstmals namentlich festgehalten wird das Niederland 1833 in der Topografie Böhmens und Leitmeritzer Kreises von Joh. Gottfried Sommer. Er benutzt für das nördlich des böhmischen Mittelgebirges angrenzende Granitgebirge die Bezeichnung Niederes Gebirge.  Das bis zu der Kreibitz-Lausitzer Gebirgskette aufsteigende Land wird als das Oberland, das dahinter liegende, in die Niederungen des Kreibitz- und Mandautals abfallende Gebiet als das Niederland bezeichnet. Beide Namen setzten sich sowohl im amtlichen, wie auch im allgemeinen Sprachgebrauch der Bevölkerung durch. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele neue tschechische Bezeichnungen entstanden, hat man für das Niederland und die Niederländer keine passende Übersetzungen eingeführt, sondern es wird nun vom Schluckenauer Zipfel und seinen Bewohnern gesprochen.

Die Niederländer waren durch mundartliche Verwandtschaft und durch bestimmte Eigenschaften mit den Schlesiern verbunden. Konfessionell war die Bevölkerung überwiegend katholisch, gefolgt von einem kleinen altkatholischen und evangelischen Anteil. Die Menschen meist aus fleißigen Erzeugern bestehend, zeichneten sich durch Zähigkeit, Ausdauer, Handfertigkeit und organisatorisches Geschick aus. Man kann den typischen Niederländer auch als eigenwillig und eigensinnig bezeichnen, der eine direkte rau klingende Sprache spricht. Nicht selten von einem unterschwelligen Humor begleitet, hört sich seine Mundart etwas holprig, für Außenstehende beinahe unverständlich an.


Begriff und IdentitätHeimatvertriebene der früheren Bezirke Schluckenau, Rumburg und Warnsdorf haben in den Nachkriegsjahren eine bemerkenswerte Eigenständigkeit und einen festen Zusammenhalt bewiesen. Verstreut über verschiedene Länder versuchen sie in der neuen Heimat an ihren Traditionen festzuhalten, ihre Identität zu bewahren. Es reicht ihnen nicht im Bund der Vertriebenen mitzuwirken, sondern wie einst geographisch isoliert, gehen sie auch jetzt  ihre eigenen Wege und gründen selbständige Initiativen. Fortan werden eigens für die Niederländer vorgesehene Veranstaltungen organisiert und schon im Juli 1949 erscheint das Blatt ‚Warnsdorfer Heimatbrief’, welchem ab 1. Januar 1951 die Zeitschrift ‚Unser Niederland’ folgt. Besonders wichtig war, dass engagierte Landsleute rechtzeitig begannen die Geschichte der Niederländer zu dokumentieren und Nachlässe aufzubewahren. Zahlreiche Bücher und Kalender über das Niederland, teils auch mit Mundarttexten versehen, wurden von der Druckerei Helmut Michel in Backnang veröffentlicht und von Heimatvertriebenen sowie ihren Nachkommen gerne gelesen. Eine von der Stadt Böblingen zur Verfügung gestellte Heimatstube füllte sich alsbald mit wertvollem Kulturgut und die Gemeinde avancierte zu einem beliebten Ort für Heimattreffen. Böblingen, das über das Niederland 1964 die Patenschaft übernahm und 1981 den Heimatvertriebenen einen Gedenkstein setzte, wurde zum Ort der Zusammenkunft, Erinnerung und Aufbewahrung eines Teils ostdeutscher Geschichte.